Psychoanalyse und Kultur: Das Unbewusste und die Träume


Psychoanalyse und Kultur: Das Unbewusste und die Träume
Psychoanalyse und Kultur: Das Unbewusste und die Träume
 
Sigmund Freud hat wie nur wenige das Bild des 20. Jahrhunderts geprägt. »Es gibt«, schrieb der Dichter Stefan Zweig 1931, »keinen einzigen namhaften Menschen in Europa auf allen Gebieten der Kunst, der Forschung und der Lebenskunde, dessen Anschauungen nicht direkt oder indirekt durch Freuds Gedankenkreise in Anziehung oder Gegenwehr schöpferisch beeinflusst worden wären«. Freud entwickelte die Psychoanalyse am Ende des 19. Jahrhunderts zunächst als therapeutisches Verfahren der Behandlung von Hysterien. Mithilfe von Hypnose, dann auch von einfacher Suggestion, reproduzierten die Patientinnen - die überwiegende Zahl der ersten Analysanden waren weiblich - aktuell nicht präsente, vergangene Erlebniskonflikte, die vor allem die Intimität des psychosexuellen Lebens betrafen. Die hysterische Symptomatik ließ sich in dem Maße auflösen, in dem es gelang, diese latenten Konflikte zur Sprache und zum Bewusstsein zu bringen.
 
Freud verglich dieses Verfahren gern mit der archäologischen Ausgrabung einer verschütteten Stadt. Schicht um Schicht sollte krankheitswertiges psychisches Material abgetragen, immer tiefer sollte in die verborgenen Bereiche der Psyche eingedrungen werden, um so die Entstehungsbedingungen der Krankheit freizulegen. Er verband mit der Methode der Therapie eine Theorie der Affekte und deren Verdrängung, die er im Rückblick zusammenfasste: »Es wurde angenommen, das hysterische Symptom entstehe dadurch, dass die Energie eines seelischen Vorgangs von der bewussten Verarbeitung abgehalten und in die Körperinnervation gelenkt werde (Konversion),. .. die Heilung erfolge durch die Befreiung des irregeleiteten Affekts und die Abfuhr desselben auf normalem Wege (Abreagieren).« Dieser energetische Aspekt blieb auch später wesentlich. Die Besonderheit der psychoanalytischen Theorie besteht darin, dass in ihr immer gleichzeitig von konkliktverursachenden Kräften und von Sinnbeziehungen die Rede ist; sie ist Energetik und Hermeneutik in einem.
 
An die Stelle von Hypnose und Suggestion trat schon bald das Verfahren, die Patientinnen über ihr Leiden und dessen lebensgeschichtliche Spuren in einer möglichst von bewusster Kontrolle unbeeinflussten Rede berichten zu lassen. Dem entsprach eine Reaktionsweise des Analytikers, die sich vom medizinischen Vorbild der klassifizierenden Diagnose und des spezifischen Behandlungseingriffs löste und stattdessen im Verstehen und Interpretieren der Berichte der Analysanden bestand. So litt beispielsweise eine Patientin Freuds jahrelang an physiologisch unbegründeten Schmerzen in den Beinen. Diese Schmerzen konnte er als Konversion seelischer Schmerzen in körperliche entschlüsseln, wobei die schmerzhaften Stellen jeweils für bestimmte Schlüsselszenen standen. Sie hatte lange Zeit hingebungsvoll ihren kranken Vater gepflegt und dabei den Wunsch nach eigener erotischer Erfüllung unterdrückt. Bei der Pflege des Vaters wurde regelmäßig eine bestimmte Stelle ihres Oberschenkels belastet, und eben diese Stelle meldete sich in den hysterischen Anfällen gleichsam schmerzhaft zu Wort. Die körperlichen Symptome zeigten auf diese Weise also eine symbolische Bedeutung. Sie repräsentierten, ohne dass dies der Patientin zunächst bewusst war, den lebensgeschichtlichen Sinn ihres Leidens.
 
Im Zusammenhang seines Berichts über diesen Fall von Hysterie schrieb Freud 1895 die aufschlussreichen Sätze: »Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich muss mich damit trösten, dass für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe; Lokaldiagnostik und elektrische Diagnosen kommen bei dem Studium der Hysterie eben nicht zur Geltung, während eine eingehende Darstellung der seelischen Vorgänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist, mir gestattet, bei Anwendung einiger weniger psychologischer Formeln doch eine Art von Einsicht in den Hergang einer Hysterie zu gewinnen.« Diese Formulierung erhellt die Eigentümlichkeit von Gegenstand und Methode der Psychoanalyse. Ihr geht es nicht um die Erhebung von Daten zum Zweck der Überprüfung von Hypothesen, sondern um das Verstehen von Erlebnisfiguren aus der Lebenswirklichkeit der Analysanden. Aus dieser Lebenswirklichkeit zu berichten, ist der Part der Analysanden, wobei seine Berichte im Idealfall assoziierend entstehen und auch scheinbar unbedeutende Erlebnisse einschließen. Um zu verstehen muss sich der Analytiker der szenischen Erzählform anschmiegen und das Verstehen selbst zu einem szenischen werden: einem Verstehen der die Szenen strukturierenden unbewussten Erlebnisformen. Gerade indem der Analysand sein Leben als eine in sich stimmige Geschichte erzählt, wird er auch mit ihren Brüchen und verborgenen inneren Zwängen konfrontiert.
 
Die Patientinnen, die von Freud aufgefordert worden waren, alle Einfälle mitzuteilen, die sich ihnen jeweils aufdrängten, erzählten ihm auch ihre Träume. Er wandte die zur Deutung der neurotischen Krankheitssymptome ausgearbeitete Methode nun auch auf die Träume an, und so wurde die Traumdeutung bald der »Königsweg« zum Unbewussten. Freud behandelte den Traum selbst wie ein Symptom und wandte die für Symptome der Hysterie ausgearbeitete Deutungsmethode auch auf ihn an. In der »Traumdeutung« (1900) analysierte er nicht nur Traumerzählungen von Analysanden, sondern vor allem auch eigene Träume. Der Traum besteht, so Freud, nicht nur aus dem manifesten Trauminhalt, den der Träumer erlebt und an den er sich im Wachzustand erinnert, sondern auch aus unbewussten Gedanken und Wünschen. Dieser latente Trauminhalt wird mithilfe der Traumarbeit und ihrer verschiedenen Mechanismen in die manifeste Gestalt umgewandelt. Ein wesentlicher Teil des latenten Inhalts besteht aus verdrängten, für das Bewusstsein anstößigen Wünschen.
 
Da der Traum kein bloß pathologisches, sondern ein normales Phänomen des Seelenlebens ist, eröffnete das Verfahren der Traumdeutung die Perspektive auf eine allgemeine Psychologie des Unbewussten und ihre verschiedensten Äußerungen im individuellen und sozialen Leben. Zugleich löste sich die Psychoanalyse damit von ihren physiologischen Wurzeln und wurde zu einer Psychologie. Sie hatte, jenseits der traditionellen Unterscheidungen zwischen krank und gesund, normal und abnormal, ihren eigentlichen Gegenstand gefunden: die subjektiven Strukturen des Erlebens und Handelns in der Spannung zwischen körperlichen Bedürfnissen und sozialen Normen, zwischen unbewussten und bewussten Lebensentwürfen.
 
Ausgehend vom Modell des Traums und seiner Symptomatik der Wunscherfüllung entfaltete Freud in den folgenden vier Jahrzehnten eine ungemein reichhaltige Forschungsarbeit, die sich in drei unterschiedliche Richtungen entwickelte: Zum einen erweiterte er den therapeutischen Rahmen der Psychoanalyse zu einer umfassenden Neurosenlehre, deren verschiedene Aspekte er in Krankengeschichten und in Schriften zur Behandlungstechnik erörterte. Zum anderen erforschte er die Funktionsweise des Psychischen hinsichtlich des Unbewussten und der Triebe und entwickelte eine psychoanalytische Persönlichkeitstheorie, worum es ihm in den metapsychologischen Schriften ging. Schließlich wandte er psychoanalytische Theoreme und Methoden auf die verschiedensten Bereiche der Kultur, auf das Alltagsleben, auf gesellschaftliche Phänomene, auf Dichtung und Kunst an, indem er psychoanalytische Beiträge zu Ästhetik, zu Ethnologie, Sozialpsychologie und Religionspsychologie verfasste.
 
Die psychoanalytische Interpretation der Kultur wurde der Neurosenlehre und der Metapsychologie nicht bloß äußerlich hinzugefügt; vielmehr beeinflussten sich diese drei Forschungsrichtungen wechselseitig. Schon die Bezeichnung des von Freud herausgestellten »Ödipus-Komplexes« - der Gesamtheit von Liebes- und feindseligen Wünschen, die das Kind seinen Eltern gegenüber empfindet - entsprang einer kulturhistorischen Deutung. Wie Freud die Krankengeschichten als Novellen auffasste, so umgekehrt die Novellen als Krankengeschichten, das heißt die Kultur insgesamt als Inszenierungen des Unbewussten. Bildende Kunst, Literatur, Religion und Gesellschaft schlüsselte er hinsichtlich ihrer Lust-Unlust-Kosten, ihrer Triebbilanz auf.
 
Dabei veränderte diese Anwendung aber auch das Persönlichkeitsmodell, von dem sie ausgegangen war. Die Konfliktstruktur von »Libido« und kulturellen Werten und Regeln floss in die Psychologie des Unbewussten selbst ein. Dem entsprach die Aufteilung der Psyche in »Es« (den unbewussten Teil der Persönlichkeit), »Über-Ich« (die verinnerlichten Anforderungen der Gesellschaft, vor allem der Moral) und »Ich« (die Instanz der Verarbeitung, aber auch der Abwehr einerseits der Trieb-, andererseits der Kulturansprüche). Das Ich galt dabei als die schwächste Instanz: »ein armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs.«
 
Freud sah aber nicht nur die Selbstständigkeit des Ich als äußerst gefährdet an, sondern ihm erschien auch umgekehrt die Kultur bedroht von den letztlich kulturfeindlichen Strebungen des Trieblebens. Er führte den gesamten Kulturprozess auf das Gegen- und Miteinander der zwei Grundkräfte »Eros« und »Todestrieb« zurück, wobei er die nur allzu sichtbaren Phänomene der Aggression (von Neid und Konkurrenz über Naturbeherrschung bis zum Krieg) als Umwandlungen des unbewusst wirkenden Todestriebes verstand. Seine Abhandlung über das »Unbehagen in der Kultur« schließt mit den Sätzen: »Die Schicksalsfrage der Menschheit scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.. .. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. Nun ist zu erwarten, dass der andere der beiden »himmlischen Mächte«, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegener zu behaupten. Aber wer kann den Erfolg und Ausgang vorhersehen?«
 
Freud hat hier eine psychisch-soziale Konfliktdimension zu einer grandiosen Welterklärung ausgeweitet, die mehr mit Naturspekulation als mit strenger Wissenschaft zu tun hat. Sie hat so auch nicht allzu viel Gehör gefunden. Was Freud als schicksalhaft-ewig darstellte, scheint vielmehr das Resultat gesellschaftlicher Prozesse zu sein, deren Wirkung Freud allerdings bis in die Tiefendimension des subjektiven Erlebens hinein verfolgt hat. Der Dialektik von Eros und Todestrieb liegt die sehr reale Erfahrung zugrunde, dass die Anstrengung der Kulturarbeit immer wider misslingt, und dass dieses Misslingen sich im psychischen Schnittpunkt von Leiblichkeit und Sozialität, als Konfliktstruktur destruktiver und konstruktiver Strebungen des Unbewussten, niederschlägt.
 
Prof. Dr. Gunzelin Schmid Noerr
 
 
Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Aus dem Englischen. Neuausgabe Hamburg 1996.
 
Philosophie im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Anton Hügli und Poul Lübcke. 2 Bände. Reinbek 2-31996—98.

Universal-Lexikon. 2012.

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